Themenwelt

Eleganz

© Michael Zimmermann
Baukultur 08.01.2017

Prof. Dr. sc. techn. Mike Schlaich

Einführung

Gute Tragwerke sind ein wichtiger Bestandteil des guten Bauens, und gute Bauten tragen zu Lebensqualität und Baukultur bei. Der These, dass qualitätsvolles Bauen zu mehr Lebensqualität führen kann, werden wohl wenige widersprechen. Aber was ist „gutes“ Bauen? Schön? Gelegentlich wird der Begriff Eleganz in diesem Zusammenhang gebraucht. Ist Eleganz nötig für gutes Bauen? Brauchen wir Bauingenieure denn elegante Tragwerke? 

 

Diese Frage betrifft die Bauingenieure, weil sie für die Tragwerke von Hochbauten und die gesamte gebaute technische Infrastruktur verantwortlich sind. Sie können mit ihren Bauten einen positiven Beitrag zu Lebensqualität und Baukultur leisten. 


Diesen Fragen soll nun nachgegangen gegangen werden. Zuerst wird versucht, das „gute“ Bauen zu beschreiben und, weil – das sei schon jetzt verraten – Eleganz dazugehört, den Begriff Eleganz zu definieren. Elegante Tragwerke werden vorgestellt, und es wird skizziert, was dafür getan werden kann.

Gutes Bauen

Die Frage nach dem guten Bauen ist nicht neu. Zur Beantwortung der Frage, was seine Prinzipien sind, drängt es sich auf, Vorbilder zu studieren und zu zitieren. Der Klassiker Vitruv soll hier nicht fehlen, und drei weitere Bau- und Lehrmeister werden zu Rate gezogen.

 

Der Römer Vitruv ist der in diesem Kontext wohl am häufigsten zitierte Autor. Für seine Trias Firmitas, Utilitas und Venustas als Prinzipien aus dem Jahr 25 nach Christus ist er wohl jedem bekannt. Das gute Bauwerk muss tragfähig (Firmitas), gebrauchstauglich (Utilitas) und schön (Venustas) sein [1].

 

Der Architekt Volkwin Marg beschreibt Baukultur als die Synthese der beiden Seiten einer Münze – Technik und Kunst – welche nur zustande komme, wenn Architekt und Ingenieur kreativ zusammenarbeiten. Er greift auf die platonische Trias Wahrheit, Güte und Schönheit zurück. Intellektuelle Wahrheit entstehe, wenn Tragwerk und Form übereinstimmen, Güte, wenn unsere Bauten positiv auf die Gesellschaft und ihre Mitglieder wirkten und Schönheit im ästhetischen Sinne scheine auf, wenn Wahrheit und Güte miteinander verschmelzen [2].

 

Jörg Schlaich bezieht sich auf den Leichtbau, der im Kontext der Eleganz besonders interessant ist, wenn er für ökologisch, sozial und kulturell verantwortungsvolles Bauen plädiert. Leichtbauten sind ökologisch sinnvoll, weil sie den Ressourcenverbrauch minimieren, weil sie leicht rückzubauen und leicht wiederzuverwenden sind. Sie sind sozial wertvoll, weil sie gut ausgebildete Ingenieure und Arbeiter voraussetzen und damit hochwertige Arbeitsplätze schaffen. Schließlich leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Bereicherung des architektonischen Spektrums. Der Begriff Leichtbau ist positiv besetzt, weil wir Leichtigkeit mit Transparenz und Ablesbarkeit verbinden. Wir mögen Leichtbauten, weil man sie versteht, und man versteht sie, weil nichts den Kraftfluss verbirgt. „Nie war Leichtbau zeitgemäßer und notwendiger als heute, und zwar aus ökologischer, sozialer und kultureller Sicht“ [3].

 

David Billington, der nordamerikanische Ingenieur, hat in den 1980er Jahren den Begriff Structural Art, Ingenieurbaukunst geprägt. Ganz anders als Volkwin Marg sieht Billington keine Münze, deren Seiten zusammenkommen, sondern vielmehr Structural Art als unabhängige und parallel zur Architektur verlaufende Strömung. Er stellt fest, dass der Ingenieur, anders als der Wissenschaftler, der  „nur“ entdeckt, ein Erfinder ist. Die Ideale der Ingenieurbaukunst sind für ihn efficiency, economy und elegance. Ingenieure erfinden gute Türme und Brücken, weitgespannte Dächer und Hochhäuser, indem sie in einem bewussten ästhetischen Prozess (elegance), erfolgreich Materialaufwand (efficiency) und Kosten (economy) minimieren [4].

 

Alle hier betrachteten Bau- und Lehrmeister nennen eine Trias, also eine Gruppe von drei aufeinander bezogenen Elementen, die zusammen eine Einheit, die Grundlage für gutes Bauen bilden. Auffällig ist auch, dass der heute fast inflationär gebrauchte Begriff Nachhaltigkeit nicht explizit auftaucht. Die Nachhaltigkeit ist aber inhärentes Merkmal vieler der oben genannten Prinzipien. Eleganz ist dabei, und es ist interessanterweise ein Ingenieur, der sie zu den Idealen zählt. In ihren Reden und Schriften benutzen die Ingenieure den Begriff tatsächlich öfter als die Architekten.

 

Den oben genannten Prinzipien folgen alle, die dreidimensionale Werke schaffen, Ingenieure, Architekten und Künstler. Unterschiedlich ist nur die Gewichtung dieser Prinzipien. Natürlich muss auch die Skulptur eines Bildhauers stehen bleiben, aber keine Norm fordert von ihm den Nachweis der hundertjährigen Lebensdauer seiner Werkes. Er kann sich frei auf die Ästhetik konzentrieren. Der Prototyp des Architektenbauwerks ist das Einfamilienhaus, und auch hier ist es vergleichsweise einfach, firmitas zu erreichen. Soziale Komponenten werden wichtig(er). Volkwin Marg bezeichnet Architektur als einen „Tanz in Ketten“, weil die vielen Randbedingungen, die der Architekt zu berücksichtigen hat, den Tanz schwieriger als den des freien Künstlers machen. Für die Bauingenieure gilt dies in besonderem Masse. Die Vielzahl der Normen und Vorschriften bieten uns eine wunderbare Ausrede, uns nur um die Einhaltung der Regelwerke zu kümmern, also die Prinzipien für gutes Bauen nur teilweise zu berücksichtigen. Wir sind so beschäftigt mit den Ketten, sie zu ordnen und sie ertragbar zu machen, ohne sie zu brechen, dass wir ganz vergessen, dass das Tanzen trotzdem möglich, ja nötig ist, um gut zu bauen. Der Tanz in Ketten kann besonders elegant sein, wenn er das Schwere leicht erscheinen lässt. Werden die Prinzipien einer Trias, wie sie oben beschrieben wurde, befolgt, wird ganzheitliche Qualität entstehen. Dann werden wir mit guten Bauten, die zur Baukultur beitragen, belohnt.

Eleganz

Das Wort Eleganz stammt vom lateinischen Verb eligere = auswählen ab. Es hat seine Bedeutung immer wieder verändert. „Das Adjektiv elegant [...] wurde im 18. Jh. aus frz. élégant (<lat. elegans) 'wählerisch, geschmackvoll' entlehnt“ [5].

 

Eleganz wird manchmal als oberflächlicher, modischer Luxus missverstanden. Die Zeiten des consumerism sind jedoch vorbei. Man bringt Eleganz besser mit ausgewählter Schönheit, mit  „Schönheit-Plus in Verbindung. Hört man sich um, assoziiert Jede oder Jeder auf ihre oder seine Art Eleganz als

 

  • Schönheit plus ausgewählter Geschmack, wie die Diven der Filmgeschichte.
  • Schönheit plus Leichtigkeit, Transparenz und Bewegung, wie die Primaballerina von Edgar Degas.
  • Schönheit plus fließende Linien, wie die eines windschnittigen Sportwagens.
  • Schönheit auch als sinnlicher Purismus, wie ein minimalistisches Schwarzweiß-Aktphoto.

 

Wichtigster Aspekt der Eleganz aber ist Mühelosigkeit [6]. Wir empfinden etwas als elegant, wenn wir zwar spüren, dass etwas mit großen Mühen erreicht wurde, wir jenen Aufwand aber nicht mehr sehen. Das Ergebnis scheint ganz natürlich.

 

Weil es hier um das Bauen geht, sollen zwei Beispiele (Bilder 1 und 2) zum oben Gesagten genügen. Das Auge bleibt zunächst am schönen (und sehr bequemen) Lounge Chair von Ray und Charles Eames hängen, aber viele würden den Barcelona Chair von Ludwig Mies van der Rohe als eleganter bezeichnen.

Bild 1 Lounge Chair von Ray und Charles Eames
Bild 2 Barcelona Chair von Ludwig Mies van der Rohe

Elegante Tragwerke

Die Prinzipien guten Bauens, die oben identifiziert wurden, beinhalten alle Elemente von Schönheit und Eleganz, und wir müssen sie deshalb in unsere Arbeit einbeziehen. In allen Bereichen des Bauens finden sich Beispiele, die zeigen, dass neben dem selbstverständlichen Primat der Standsicherheit und der Nützlichkeit Eleganz eine wichtige Rolle spielt.

 

In den folgenden Bildern sind vier bekannte elegante Tragwerke – ein Haus, ein Dach, ein Turm und eine Brücke – dargestellt.

Bild 3 Ludwig Mies van der Rohe, Farnsworth House, USA
Bild 4 Félix Candela, Bacardi-Fabrik, Mexiko
Bild 5 (links) Robert Maillart, Salginatobel-Brücke, Schweiz
Bild 6 (rechts) Wladimir Schuchow, Schabolowka-Radioturm, Russland

Mehr gute und elegante Tragwerke!

Eleganz im Bauwesen ist natürlich mehr als elegantes „Endprodukt. Auch Berechnungsansätze, konstruktive Durchbildung und Baumethoden können elegant sein. Wie können wir in diesem Sinne zu mehr guten und eleganten Tragwerken kommen? Einfache Rezepte gibt es nicht, aber aus dem oben Gesagten lassen sich zumindest einige Ansätze ableiten.

 

Der Entwurf eines Tragwerks ist die ganzheitliche Verfolgung der oben genannten Prinzipien. Er entsteht in einer bewussten und zutiefst befriedigenden Auseinandersetzung mit dem lokalen Kontext, dem sorgfältigen Einbeziehen vielfältiger örtlicher Randbedingungen. Erfolgreich entworfene Tragwerke zeichnen sich oft durch ablesbaren Kraftfluss aus, vielleicht weil wir das, was wir verstehen, gerne haben. Wie oben schon gesagt, sind Leichtbauten deshalb oft elegant.

 

Grundsätzlich muss das eigene Bewusstsein und das der Öffentlichkeit für gutes Bauen geschärft werden und dazu gibt es ganz verschiedene Schleifwerkzeuge:

 

  • Ausbildung: Beim Nachwuchs müssen wir beginnen. Entwerfen und Konstruieren guter Tragwerke kann man lernen. Vor über zehn Jahren haben wir die werkstoffübergreifende Lehre des Entwerfens und Konstruierens auch an der TU Berlin eingeführt [9]. Allerdings sind erst rund ein Drittel der Studierenden Frauen – wir werden sicher mehr elegante Tragwerke sehen, wenn dieser Anteil steigt.
  • Wettbewerbe: Wir brauchen interdisziplinär ausgelegte Hochbauwettbewerbe, bei denen nicht erst anschließend die Ingenieure, die im VOF-Verfahren am billigsten anbieten, zum Gewinnerteam hinzugewürfelt werden und wir brauchen mehr Infrastrukturwettbewerbe besonders für Brücken, bei denen die Ingenieure für Innovation und Fortschritt sorgen können.
  • Beiräte: Viele Städte leisten sich Gestaltungsbeiräte, die die Politik zu Baufragen beraten. München und Karlsruhe beispielsweise gehen vorbildlich voraus und halten ihre Sitzungen sogar öffentlich ab. In diese Beiräte müssen Ingenieure aufgenommen werden, wenn man Baukultur auch in der Infrastruktur möchte!
  • Diskussionskultur: Hier haben die Ingenieure viel aufzuholen. Wir Bauingenieure sollten uns mehr austauschen, lernen uns zu kritisieren ohne zu verletzen und Fragen der Baukultur im Kollegenkreis diskutieren. Die im September 2017 an der TU Berlin stattfindende internationale „footbridge Konferenz“ steht deshalb unter dem Motto „Tell a story“ [10]. 

 

Entwerfen und Konstruieren guter Tragwerke sollte ein bewusster Prozess sein, der auf robusten, wissenschaftlich technischen Grundlagen beruht und die genannten Prinzipien befolgt. Wenn die Wirkung des Ergebnisses von unangestrengter Schönheit ist, haben wir Eleganz erreicht. Das ist weder einfach noch ohne Erfahrung möglich. Zum Trost sei gesagt, dass viele bekannte Ingenieure ihre größten Erfolge erst in fortgeschrittenem Alter feierten.

Elegantes Bauen kann wozu führen?

Gutes Bauen kann zu gutem Leben beitragen - so lautete die Anfangsthese. Eleganz zeigt sich, wenn die Lösung der anspruchsvollen Aufgabe, die Prinzipien des guten Bauens in einem Bauwerk zu vereinen, unangestrengt erscheint. Das Leben ist anspruchsvoll, und wäre es nicht schön, wenn unsere Anstrengungen es zu meistern zu einem unangestrengt schönen Ergebnis führten? Umgeben wir uns mit eleganten Bauwerken! Vielleicht können sie zu elegantem Leben beitragen.

- Prof. Dr. sc.techn. Mike Schlaich -

Literaturverzeichnis

BOTTON A., "The Architecture of Happiness", Hamish Hamilton Ltd., 2006.

VITRUV: De Architectura Libri Decem, Marix, 2012 (latin - german).

MARG V., "Architektur ist - natürlich nicht unpolitisch", Prestel, 2008 (in german).

SCHLAICH J., "leicht weit - light structures", Prestel, 2005 (german - english).

BILLINGTON D.P., "The Tower and the Bridge", Princeton University Press, 1995.

ANDO T., "Der Geist des Wabi Sabi",  in lettre 105, lettre international, summer 2014.

SCHLAICH BERGERMANN UND PARTNER, "movable structures", i-book, www.moveables.sbp.de, 2014.

SCHLAICH M., "Challenges in Education", Conceptual and Structural Design, IABSE Symposium Budapest, Hungary, 2006.

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